Wie Stress und belastende Erfahrungen das Hautbild verändern können.
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Für meinen persönlichen privaten Datenspeicher speichere ich manchmal Titelstorys. Hier aus dem Magazin Nr. 27 aus dem Jahr 2026.
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Medizin: Wer eine gesunde Haut haben möchte, sollte darauf achten, dass es der Psyche gut geht. Neue Forschung zeigt, wie eng Kopf und Haut zusammenspielen.
Dass ihre Haut gesund werden könnte, hatte Vanessa fast nicht mehr geglaubt. Seit ihrer Kindheit plagten sie trockene, rötliche Stellen an den Armen, Beinen, am Rücken, am Hals und im Gesicht. Sie hätten nicht nur gejuckt, sondern auch geschmerzt, sagt die 28-Jährige. Sogar das Duschen habe ihr wehgetan.
Von Arzt zu Arzt sei sie gelaufen, erzählt sie, ein ums andere Mal hätten Dermatologen ihr kortisonhaltige Cremes verschrieben. Das habe zwar geholfen. Doch wenn sie die Mittel nicht mehr auftrug, seien die Probleme bald zurückgekommen. Sie wolle weg vom Kortison, sagt Vanessa, die ihren Nachnamen für sich behalten möchte. „Ich habe das Gefühl, es dämmt oberflächlich ein bisschen was ein, aber es geht nicht an das grundlegende Problem ran.“

Seit März lässt sich Vanessa deshalb in einer Hautklinik behandeln, deren Ärztinnen, Psychologen und Pfleger auch die Zusammenhänge zwischen Seele und Körper berücksichtigen. Die Kirinus PsoriSol Klinik, so der Name, liegt in Hersbruck, einer mittelalterlichen Festungsstadt, umgeben von den grünen Hügeln des Nürnberger Landes. Das Hauptgebäude befindet sich in einer alten Wassermühle am Ufer der Pegnitz. Die Klinik hat ein Hallenbad und einen parkähnlichen Garten. Sie steht Privatpatienten offen und gesetzlich Versicherten, sofern sie eine Einweisung mitbringen.
Seele und Haut gehörten zusammen, sagt Andrea Eisenberg, die in der Klinik in leitender Funktion arbeitet. Sie ist Fachärztin für Innere Medizin sowie für Psychotherapeutische Medizin; im Regal in ihrem Behandlungszimmer stehen neben anatomischen Modellen auch Lehrbücher der Psychotherapie. Es gibt zwei Sessel und ein Sofa, die mit glattem Kunstleder bezogen sind. Dieses Material sei für die Haut der Patienten besonders verträglich, sagt Eisenberg.
Stress würde die angeborene Neigung zu Entzündungen auf der Haut verstärken, erklärt die Ärztin. Regelmäßig sehe sie den Zusammenhang bei Menschen, die Schuppenflechte haben oder – wie Vanessa – ein atopisches Ekzem, auch Neurodermitis genannt. „Deshalb behandeln wir Haut und Psyche parallel.“ Eisenbergs Patienten bekommen nicht nur Tabletten, Salben oder Lichttherapien. Sie lernen etwa mithilfe von Entspannungsübungen auch, sich besser um ihr seelisches Wohlbefinden zu kümmern. Die Psychotherapie wird laut Eisenberg „immer sehr individuell auf den jeweiligen Hautpatienten zugeschnitten“.
Der neue Blick auf das neuroendokrine Organ
Der Ansatz ist beispielhaft für einen zeitgemäßen Blick auf die Haut. Die oft unterschätzte Hülle um den Körper ist weit mehr als ein bloßer Sack, der den Leib nach innen zusammenhält und nach außen abgrenzt. „Haut und Gehirn sind viel enger miteinander verbunden, als wir uns das lange vorstellen konnten“, sagt der Humanbiologe und Arzt Martin Steinhoff, der seit Jahrzehnten zu dem Zusammenspiel forscht und am Universitätsklinikum Freiburg tätig ist.
Mehr und mehr Fachleute teilen diese Sichtweise, sie steht im Zentrum eines interdisziplinären Teilgebiets der Medizin, der Psychodermatologie. Im Journal of Dermatological Science konstatierten südkoreani-sche Wissenschaftler unlängst: „Die Haut, die traditionell als äußere Barriere angesehen wurde, gilt heute als ein neuroendokrines Organ, das mit dem Zentralnervensystem kommunizieren kann.“ Sie nimmt also Signale aus dem Gehirn auf und leitet diese weiter, indem sie etwa Zytokine ausschüttet, körpereigene Botenstoffe. Auf diese Weise können Gehirn und Haut gleichsam miteinander reden, es ist ein wechselseitiges Gespräch.
Forschende erkennen einen regelrechten Kommunikationskanal zwischen den beiden Organen, über den sie zunehmend viele Einzelheiten herausfinden. Sobald ein Mensch ein Gefühl empfindet, gelangen chemische Botenstoffe aus dem Gehirn bis in jene Nervenfasern, die bis in die Haut reichen und dort enden. Diese Nervenfasern sind wiederum mit dem Immunsystem verbunden. Auf diesem Weg gehen beispielsweise Sorgen und Stress buchstäblich unter die Haut: Die an den sogenannten Nervenendigungen freigesetzten Signale erweitern die Gefäße und locken dann bestimmte Immunzellen herbei, die das körpereigene Gewebe angreifen und die Haut ist entzündet.
„Damit können wir erklären, warum manche Menschen vor Prüfungen plötzlich verstärkte Ekzeme oder Akne bekommen“, sagt Humanbiologe Steinhoff. Auch Rosazea und kreisrunder Haarausfall können auf diese Weise durch psychische Belastungen ausgelöst oder verschlimmert werden.
Viele Menschen erleben das nur in einer milden Ausprägung: ein paar Schuppen am Ellenbogen, ein rötlicher Saum an der Lippe, eine sich schälende Stelle am Kopf. Doch bei Millionen Menschen in Deutschland sind die Beschwerden so stark, dass sie als Krankheit zu werten sind. Schätzungsweise zwei bis drei Prozent von ihnen leiden an einer Schuppenflechte (Psoriasis), ungefähr fünf Prozent der Erwachsenen an Neurodermitis.
Insgesamt unterscheiden psychosomatisch ausgebildete Medizinerinnen und Mediziner drei Gruppen von Hautleiden: jene, die auf psychische Störungen zurückgehen wie der Dermatozoenwahn („Haut-Tiere-Wahn“), bei dem Menschen fälschlicherweise meinen, von kleinen Tieren, beispielsweise Parasiten, besiedelt zu sein und ihre Haut durch Kratzen und viel zu viel Seife oder Desinfektionsmittel schädigen. Eine weitere Gruppe umfasst Patientinnen und Patienten, deren Haut etwa durch einen Tumor oder eine Verbrennung entstellt wurde: Viele sind dadurch auch seelisch gezeichnet. Und andere schließlich leiden unter Hautproblemen, die durch seelische Belastungen wie Stress verschlimmert werden.
Diesen Patienten könne man inzwischen gut helfen, sagt der niedergelassene Hautarzt Ralph von Kiedrowski, der im Städtchen Selters im Westerwald arbeitet. Die nächste Uniklinik ist rund 80 Kilometer entfernt, deshalb sei die Praxis in der Gegend zu einem wichtigen Anlaufpunkt für Menschen mit Neurodermitis oder Schuppenflechte geworden, ungefähr 90 Prozent von ihnen seien gesetzlich versichert.
Für die leichten Fälle reichen oft Kortisonpräparate. Die schweren Verläufe behandelt der Arzt mit modernen Medikamenten, bestimmten Antikörpern, die das Immunsystem dämpfen. „Wir haben Mittel, die eine Wirkwahrscheinlichkeit von 90 Prozent haben“, sagt Kiedrowski, der auch Präsident des Berufsverbands der Deutschen Dermatologen ist. Die Behandlung mit Antikörpern kann im Jahr bis zu 18.000 Euro kosten.
Bei manchen komplexen, chronischen Hauterkrankungen reichen selbst die teuren Mittel nicht aus. „Hier kann die Psychodermatologie das Behandlungsangebot erweitern und die Therapie verbessern“, sagt die Hautärztin Eva Peters von der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des Universitätsklinikums Gießen. Es ist eine große Hoffnung, die in diesen Worten mitschwingt: Das neue Wissen über die Haut-Hirn-Achse kann nicht nur helfen, die Haut besser gesund zu halten, als es bisher möglich war. Es trägt womöglich auch dazu bei, seelische Probleme zu lindern – und den Verstand wachzuhalten.
Die Entdeckung der biologischen Kaskaden
Dass es einen Zusammenhang zwischen Hautkrankheiten und psychischem Befinden gibt, stellte der Hautarzt Uwe Gieler, ebenfalls von dem Universitätsklinikum Gießen, in Europa als einer der Ersten schon vor zwölf Jahren fest: Gemeinsam mit Kollegen hatte er rund 3600 Menschen aus Deutschland und zwölf weiteren europäischen Ländern untersucht, sie alle litten an einer Krankheit der Haut. 17 Prozent von ihnen waren außerdem von einer Angststörung betroffen. Von jenen 1400 Menschen mit gesunder Haut, die der Mediziner zum Vergleich untersucht hatte, traf das nur auf 11 Prozent zu.
Erst heute zeichnet sich zunehmend ab, wie sich solche Zusammenhänge erklären lassen könnten. Ist die Haut gestresst, entsendet sie bestimmte Botenstoffe, die Zytokine, die im Gehirn offenbar Entzündungen auslösen können. Neueren Untersuchungen zufolge könnte dies dazu beitragen, dass Menschen, die an einer Schuppenflechte leiden, zusätzlich eine Depression entwickeln. Umgekehrt können neuartige Medikamente, die diese Zytokine hemmen, nicht nur den Entzündungen auf der Haut entgegenwirken, sondern auch die Depressionen und Ängste wieder vermindern, so Steinhoff.
Auch bei Neurodermitispatienten spielen solche Botenstoffe eine Rolle, möglicherweise führen sie dazu, dass das Gehirn weniger funktionstüchtig wird. Im Ergebnis, sagt Mediziner Steinhoff, könne das zu einer „veränderten Stimmung und veränderten kognitiven Fähigkeiten“ führen, also somit die Fähigkeit zu denken beeinträchtigen. Laut den südkoreanischen Forschern kann auch eine dauerhafte UV-Strahlung bewirken, dass Stresshormone ausgeschüttet werden, wodurch Lernen und Erinnern beeinträchtigt werden.
Neuartige Medikamente, aber auch psychologische Therapien könnten gezielt in diese Kaskaden eingreifen, so die Hoffnung. „Gesunde Haut, gesundes Gehirn“, auf diese Formel haben es die südkoreanischen Wissenschaftler gebracht. „Die Hautgesundheit zu erhalten, ist nicht nur ein dermatologisches Ziel, sondern auch eine vielversprechende Strategie, um die Alterung des Gehirns zu verlangsamen und die geistige Leistungsfähigkeit zu stärken.“
Selbst Menschen, deren Haut bislang nicht oder kaum beeinträchtigt ist, könnten von den neuen Erkenntnissen profitieren, so ein Team rund um die französische Ärztin Diala Haykal in der Fachzeitschrift Clinics in Dermatology. Neuartige Cremes könnten schon bald bestimmte Substanzen enthalten, die gezielt in die Botenstoffkaskaden zwischen Haut und Hirn eingreifen. Diese „Neurokosmetika“ sollen zweierlei bewirken: die Haut beruhigen und das Befinden verbessern. Verschiedene Substanzen, darunter sogenannte Neuropeptide und bestimmte Pflanzenextrakte, werden in Laboren bereits getestet.
Sollten sie sich durchsetzen, wäre ihr Einsatzgebiet riesig: Die Haut ist das größte Organ des Menschen, sie macht ungefähr 15 Prozent des Körpergewichts aus und hat eine Fläche von anderthalb bis zwei Quadratmetern. Sie ist damit auch das größte Sinnesorgan des Menschen, ausgestattet mit Millionen Rezeptoren, die mechanische, thermische und chemische Reize wahrnehmen – die dann über komplizierte Wege als Signale im Gehirn landen und dort Empfindungen wie Brennen, Juckreiz, Kälte, Wärme oder Schmerz auslösen. Anatomisch betrachtet lässt sich die Oberhaut sogar als Ausstülpung des Gehirns ansehen, weil sie sich im Mutterleib in der embryonalen Phase aus demselben Keimblatt entwickelt wie das Nervensystem.
Bislang galt Haut vor allem als das Bollwerk, das schädliche Mikroorganismen abwehrt und den Menschen zumindest bis zu einem gewissen Maß vor den Strahlen der Sonne sowie gefährlichen Chemikalien schützt. Sie umhüllt den Körper und verhindert, dass er wie eine aufs Land gespülte Qualle sogleich in der prallen Sonne austrocknet. Menschen bestehen zu ungefähr 50 bis 65 Prozent aus Wasser.
Anatomie und Funktion der Hautschichten
Die Haut ist in drei Schichten aufgebaut. Auf die Unterhaut (Subkutis) folgt in der Mitte die Lederhaut (Dermis), darauf die Oberhaut (Epidermis), wo unablässig neue Hautzellen entstehen. Sie ersetzen die unzähligen toten Hautzellen, die der Körper jeden Tag abwirft. Oft sammelt sich das abgestorbene Material in Zimmern und Betten als wesentlicher Bestandteil des Hausstaubs.
Die äußerste Schicht der Oberhaut, auch Hornschicht genannt, dient als Barriere gegen die Außenwelt. Abgestorbene Epithelzellen sind dort durch körpereigene Fette miteinander verbunden. Der Säureschutzmantel der Haut besteht aus Fetten und Wasser. Dieser Film hält die Haut geschmeidig, wenn auch nicht bei allen Menschen gleichermaßen. Die einen haben eine eher trockene Haut, die anderen eine eher fettige, bei Mischtypen liegen trockene und fettige Stellen manchmal direkt nebeneinander.
Der Säureschutzmantel verhindert außerdem, dass Körperflüssigkeit rasch verdunstet, und ist zugleich die Heimat nützlicher Bakterien. Sie gedeihen in großer Zahl auf jedem Menschen. Die unsichtbar kleinen Wesen ernähren sich von Talg, Schweiß und abgestorbenem Hautmaterial und sorgen dafür, dass sich schädliche Erreger nur schwer ansiedeln können. Und sie stellen Proteine her, die für diese Eindringlinge giftig sind. Es ist ein Zusammenleben zum gegenseitigen Nutzen. Der Mensch versorgt die nützlichen Bakterien mit Kost und Logis; sie helfen dabei, dass seine Hülle funktioniert.
Ebenso trägt die Haut dazu bei, dass der Körper nicht überhitzt. Wird es zu warm, werden die Schweißdrüsen aktiviert; wenn der Schweiß dann auf der Haut verdunstet, kühlt der Mensch herunter. Unter extremen Bedingungen kann der Körper an einem Tag zehn Liter Flüssigkeit abgeben, um einem Hitzeschlag vorzubeugen.
Notwendig für ein normales Leben sind zudem die Schmerzrezeptoren der Haut, die dem Menschen helfen, Gefahren zu erkennen. Wer in eine Scherbe tritt, merkt das, weil es auf der Fußsohle wehtut. Wer sich im niedrigen Keller stößt, zieht den Kopf ein. Wissenschaftler aus Jena berichteten von einem kleinen Mädchen, das aufgrund einer genetischen Mutation keine Schmerzen spürte. Was zunächst nicht nach einer Krankheit klinge, sei eine schwerwiegende Störung, warnte das Universitätsklinikum Jena schon 2013. „Die Schmerzfreiheit führt zu unbemerkten, teilweise selbst verursachten Hautverletzungen und Knochenbrüchen, die wegen der fehlenden Schmerzwarnung auch schlecht heilen.“
Nicht zuletzt schickt die Haut jene Signale an den Kopf, die gute Gefühle auslösen. Schon eine kleine zarte Berührung kann Trost spenden, Halt geben, Kraft schenken oder auch sexuell erregen. Offenbar gibt es in der Haut bestimmte Nervenfasern, die besonders gut darin sind, angenehme Reize weiterzuleiten. Sie spüren bereits ein sanftes, kurzes Streicheln und leiten das Signal in den Kopf, wo es die Stimmung hebt.
Schon für kleine Kinder ist es essenziell, berührt zu werden, damit sie sich normal entwickeln können. In den Kliniken und Stationen der Neugeborenenmedizin nimmt das Fachpersonal die Babys behutsam aus dem Brutkasten und legt sie nackt auf den nackten Oberkörper der Mutter oder des Vaters, meist für eine oder mehrere Stunden am Tag. Das Kind gedeiht dadurch besser. Wenn die leiblichen Eltern diese Kängurupflege nicht leisten können, übernehmen mitunter ehrenamtliche Helfer diesen Haut-zu-Haut-Kontakt.
Psychologische Auswirkungen und Stressforschung
Genauso wie die Haut Reize an das Gehirn meldet, empfängt sie selbst Reize von dort. Auf diese Weise macht sie Gedanken und Gefühle sichtbar: Man errötet vor Scham, erblasst vor Schreck und schwitzt vor Angst; das kennen die meisten Menschen aus eigenem Erleben.
Dass emotionale Empfindungen aber auch das gesamte Hautbild verändern können, wurde von Dermatologen lange übersehen. Kürzlich nun meldeten sich Forschende aus China im Fachmagazin Science zu Wort. Sie meinen, inzwischen erklären zu können, warum Stress den Hautausschlag begünstigt; sie haben ein bislang unbekanntes Zusammenspiel entdeckt.
Ausgangspunkt der Forschenden war der Umstand, dass manche Menschen mit Neurodermitis eine erhöhte Anzahl von bestimmten Immunzellen (eosinophile Granulozyten) in der Haut haben. Üblicherweise bekämpfen diese Zellen Würmer und andere Parasiten, aber diese Immunreaktion kann sich unkontrolliert ausbreiten und dann sogar körpereigene Hautzellen angreifen und diese entzünden. Eigene Untersuchungen ergaben: Je mehr dieser Immunzellen ein Patient in einer Stresssituation in der Haut hatte, desto ausgeprägter war der Ausschlag.
Warum aber haben manche Menschen bei Stress überhaupt so viele dieser Immunzellen? Die Forschenden fanden einen Hinweis in Experimenten mit Mäusen, die an Ekzemen litten. Als die Wissenschaftler die Tiere auf einer hohen Plattform ohne Seitenschutz platzierten, gerieten die Mäuse unter Stress, und der Zustand ihrer Haut war anschließend noch schlechter.
Das lag, wie weitere Untersuchungen zeigten, an einer bestimmten Sorte von Nervenzellen in der Haut. Einmal vom Gehirn aktiviert, lockten sie eosinophile Granulozyten herbei, die ihre Botenstoffe ausschütteten und die Haut entzündeten.
Ob dieser Ablauf beim Menschen so ähnlich vorkommt, lässt sich noch nicht sicher sagen. Allerdings passt der Befund zu vielem, was Psychodermatologen bislang herausgefunden haben. Schübe von Schuppenflechte oder Neurodermitis sind oft eine Antwort des Körpers auf seelische Strapazen.
Viele der Patienten in Hersbruck können davon erzählen, wie sich belastende Umstände auf der Haut niederschlagen. Cornelia, eine 59-jährige Frau aus Franken, spürt die Neurodermitis mitunter in Alltagssituationen. Sie sagt: „Wenn ich mich über irgendjemanden aufrege, beim Autofahren, merke ich: Jetzt fängt es schon an zu jucken.“
Nuna, eine Fotografin aus Stuttgart, erzählt, sie spüre Hitze und bekomme rötliche Stellen etwa im Gesicht oder an den Händen, wenn sie belastende Situationen erlebe. Wildfremde Leute sprächen sie an und gäben ihr ungefragt Tipps: Sie solle sich mal waschen. Oder eine Fastenkur machen. Nuna sagt: „Es ist teilweise schon sehr verletzend, und dann wird es mit der Haut natürlich schlimmer.“
Wenn die Hülle um den Körper plötzlich einen Makel aufweist, bleibt niemand unberührt. Die Haut sei auch deshalb ein emotionales Organ, sagt Steinhoff. Ihr Zustand könne „erhebliche psychologische Auswirkungen darauf haben, wie ein Mensch sich selbst sieht und wie er von anderen gesehen wird“: Waagerechte Stirnfalten werden als Zeichen von Sorgen gedeutet. Runzeln und Furchen geben Hinweise, wie alt ein Mensch ist.
Kosmetik-Hype und die Gefahren von Zwangsstörungen
Der Wunsch, solche Spuren zu verbergen, ist derzeit vielleicht so ausgeprägt wie noch nie. Menschen posten digital bearbeitete Fotos von sich, auf denen ihre Haut reiner erscheint, als sie ist. Hashtags wie #SkinTok erzielen in den sozialen Medien monatlich mehr als eine Milliarden Aufrufe.
„Die Plattformen haben dazu beigetragen, eine Welle von Hautpflegetrends anzustoßen“, konstatierte unlängst eine Journalistin im britischen Wissenschaftsmagazin Nature. Das gehe „von der Nutzung von Rindertalg als Feuchtigkeitscreme bis hin zum Erreichen von ‚Glass Skin‘, also eines glatten, glänzenden Teints, durch den Einsatz zahlreicher hochpreisiger Produkte“. Die Unternehmen der Kosmetikindustrie werden in diesem Jahr weltweit vermutlich mehr als 200 Milliarden US-Dollar mit Anti-Falten-Cremes und anderen Mitteln umsetzen.
Häufig ist das nichts anderes als Kurpfuscherei. Abgesehen von Sonnenschutz, Hyaluroncremes oder Vitamin-A-Präparaten, die in jedem Drogeriemarkt zu kaufen sind, ist das Gros der Kosmetikartikel nach Ansicht von Dermatologen überflüssig. Entscheidender für ein junges Hautbild ist der Lebensstil: aufs Rauchen verzichten, starkes Sonnenlicht meiden, sich ausgewogen ernähren und regelmäßig körperlich bewegen.
In nicht wenigen Fällen wird die Befassung mit Haut zur unseligen Obsession. Menschen mit dem Dermatozoenwahn reinigen sich mitunter sogar mit Desinfektionsmitteln, damit die vermeintlichen Tierchen verschwinden. Die krankhafte Hygiene zerstört die Schutzbarriere der Haut derart, dass eigentlich harmlose Lebewesen zu einem Problem werden. Das kugelförmige Bakterium Staphylococcus aureus etwa gehört zu den häufigen Besiedlern des Menschen. Doch wenn die Haut zerstört ist, kann das Bakterium dort Nervenzellen irritieren und auf diese Weise Juckreiz auslösen.
Ungfeähr zwei bis drei Prozent der Menschen leiden an der Skin Picking Disorder. Sie zupfen, drücken, quetschen oder knibbeln ständig an sich herum und züchten dadurch erst Pickel und Narben heran.
In der Klinik in Hersbruck bietet das Team auch für solche Patientinnen und Patienten Behandlungen an. Und für alle, die neben der Hautproblematik an einer seelischen Störung leiden, sind Therapiestunden mit den Psychologen oder Ärztinnen verpflichtend. Die 28-jährige Vanessa ist so eine Patientin, bei ihr wurde eine Depression festgestellt. Den anderen, die vor allem wegen ihrer Hautprobleme hier sind, werden die psychologischen Angebote empfohlen.
An diesem Vormittag steht ein Vortrag über „die Haut als Spiegel“ auf dem Programm. Cornelia, Nuna, eine weitere Patientin sowie neun Patienten gehen in einen Seminarraum und suchen sich in den hinteren Stuhlreihen einen Platz.
Der Psychologe Christian Maul hält den Vortrag. Er zeigt zunächst eine große Grafik, auf der die Haut mit ihren verschiedenen Funktionen dargestellt ist. Dann fragt er, ob jemand Redensarten kenne, die mit der Haut zu tun haben. „Ich könnte aus der Haut fahren“, antwortet einer der Männer. „Das juckt mich nicht“, sagt ein anderer.
Manche Patienten sind mehrere Wochen hier. In dieser Zeit üben sie, schlagfertig zu antworten, wenn sie in der Öffentlichkeit auf ihre Haut angesprochen werden. Sie können Yoga und Muskelentspannungsübungen ausprobieren; beim Nordic Walking ihre Fitness verbessern; sie lernen, nicht an ihrer Haut zu kratzen, und sie tauschen sich in der Gruppe darüber aus, wie sie ihre Krankheit bewältigen könnten.
Für Vanessa beginnt bald schon die sechste Woche in Hersbruck. Bislang hat sie hier noch kein Kortison genommen. Sie sieht blass aus, aber die früher typischen rötlichen Stellen sind nicht zu erkennen. So gut sei es ihr seit vielen Jahren nicht mehr gegangen, sagt die Patientin. „Ich vergesse zeitweise, dass ich wegen meiner Haut in die Klinik gekommen bin.“
1. Tiefe emotionale Betroffenheit
- Redewendung: DAS GEHT MIR UNTER DIE HAUT.
- Bedeutung: Das trifft mich im Innersten und löst starke Gefühle aus.
2. Große Verärgerung
- Redewendung: ICH KÖNNTE AUS DER HAUT FAHREN.
- Bedeutung: Ich bin sehr wütend.
3. Gleichgültigkeit
- Redewendung: DAS JUCKT MICH NICHT.
- Bedeutung: Das ist mir egal.
4. Unempfindlichkeit / Resilienz
- Redewendung: DIE HAT EIN DICKES FELL.
- Bedeutung: Die fühlt sich nicht schnell verletzt und hält Probleme aus.
5. Empathie bei Belastung
- Redewendung: ICH MÖCHTE NICHT IN SEINER HAUT STECKEN.
- Bedeutung: Die Situation eines anderen erscheint so belastend, dass man nicht mit ihm tauschen mag.
GESUNDHEIT: Interview mit Dermatologin Esther von Stebut
„Ohne Lichtschutz sollte ich höchstens 20 Minuten in der Sonne sein“
Die Dermatologin Esther von Stebut erklärt, wodurch die Haut Schaden nehmen kann und welche drei Stoffe für eine gute Pflege ausreichen.
Esther von Stebut, 58, leitet die Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Venerologie der Uniklinik Köln.
SPIEGEL: Frau von Stebut, welche äußeren Faktoren bedrohen die Haut?
Stebut: Zuerst einmal das Sonnenlicht. Es besteht aus Strahlung unterschiedlicher Wellenlänge, dazu gehören die sogenannten Ultraviolett-B-Strahlen. Sie dringen oberflächlich in die Haut ein und verursachen Sonnenbrand. Ein starker Sonnenbrand ist eine toxische Schädigung: Hautzellen werden zerstört und schälen sich ab. Wir sollten immer unterhalb der sogenannten Erythemschwelle bleiben, also die Haut niemals so lange den UV-B-Strahlen aussetzen, dass sie sich rötet.
SPIEGEL: Wie viel Zeit kann man dann in der Sonne verbringen?
Stebut: Das hängt vom Hauttyp ab. Wir unterscheiden verschiedene Typen, von 1 – sehr hell – bis 6, schwarz. Ich bin eher hell, Hauttyp 2, und habe eine kurze Eigenschutzzeit. Ohne Lichtschutz sollte ich abhängig vom tagesaktuellen UV-Index in der Mittagssonne höchstens 20 Minuten am Tag in der Sonne sein.
SPIEGEL: Gibt es weitere gefährliche Strahlen?
Stebut: Die UV-A-Strahlen der Sonne. Sie dringen tiefer in die Haut ein und zerstören die elastischen Fasern, sodass die Haut faltig wird und gealtert aussieht. UV-A-Strahlen und auch UV-B-Strahlen verursachen außerdem Schäden im Erbgut der Hautzellen, die dadurch zu Krebszellen mutieren können. Wir sollten uns daher konsequent mit Sonnenschutzmitteln eincremen.
SPIEGEL: Machen das die Leute nicht längst?
Stebut: Jeden Tag kommen Menschen in unsere Klinik, die an Hautkrebs erkrankt sind. Sie haben sich viele Jahre lang nicht richtig geschützt. Nach den neuesten Angaben des Statistischen Bundesamts erhöhte sich die Zahl der Behandlungsfälle von weißem Hautkrebs binnen 20 Jahren um 117 Prozent auf jetzt 94.000 im Jahr 2024.
SPIEGEL: Was genau ist weißer Hautkrebs?
Stebut: Der Begriff bezeichnet verschiedene Krebsvarianten, die sich farblich von der umliegenden Haut kaum abheben. Meistens entsteht er am Kopf oder Hals, wenn diese Stellen über viele Jahre der Sonne ausgesetzt sind. Beim Basalzellkarzinom führt die UV-Strahlung dazu, dass Basalzellen in der Oberhaut entarten und zu wuchern beginnen. Wenn ein solcher Tumor rechtzeitig entdeckt und behandelt wird, können wir eine Heilung erreichen. Besser ist natürlich die Prävention.
SPIEGEL: Wie sollte man vorbeugen?
Stebut: Auch jüngere Menschen sollten Cremes mit Lichtschutzfaktor 30 bis 50 benutzen. Dadurch lässt sich die kumulative UV-Dosis über die Jahre und die resultierende Hautkrebsrate reduzieren. Außerdem ist bekannt, dass hohe UV-Exposition im Kleinkindalter das Risiko für den schwarzen Hautkrebs, das maligne Melanom, erhöht. Daher bin ich besonders streng, wenn es um kleine Kinder geht. Babys sollten keinen Sonnenbrand bekommen.
SPIEGEL: Wäre es besser, nur im Schatten zu leben?
Stebut: Ich werde niemandem sagen, dass er nicht mehr in die Sonne gehen darf. Wärme und Licht tun unserer Psyche gut. Und wir müssen ja auch Vitamin D produzieren.
SPIEGEL: Das geschieht unter anderem, weil UV-B-Strahlen in der Haut eine Vorstufe von Vitamin D umwandeln, sodass aktives Vitamin D entstehen kann. Hört der Körper auf, Vitamin D herzustellen, wenn man sich mit Sonnenschutzmittel eincremt?
Stebut: Das ist ein Mythos. Der Lichtschutz blockt die Strahlung ja nicht komplett ab, sondern verlängert nur die Eigenschutzzeit, bis es zum Sonnenbrand kommt. Klinische Studien haben gezeigt, dass die regelmäßige Anwendung von Lichtschutz im Alltag nicht zu einem Vitamin-D-Mangel führt.
SPIEGEL: Welche anderen Gefahren drohen der Haut aus der Umwelt?
Stebut: Zum Beispiel der Feinstaub aus der Luft. Er enthält freie Radikale, das sind Atome oder Moleküle, die innerhalb kürzester Zeit chemische Verbindungen mit anderen Substanzen eingehen. Sie greifen die Fette, Proteine und DNA der Hautzellen an und können auch die Bildung von Kollagen hemmen. Die Haut wird dann schlaff.
SPIEGEL: Wie können wir uns davor schützen?
Stebut: Ich empfehle, das Gesicht jeden Abend mit einem hautneutralen Mittel zu reinigen, das einen pH-Wert von 5,5 hat.
SPIEGEL: Vielen Menschen ist anzusehen, dass sie rauchen, ihr Gesicht sieht vergilbt und knittrig aus. Warum ist das so?
Stebut: Auch der Qualm erzeugt eine erhöhte Feinstaubbelastung. Wenn Menschen in geschlossenen Räumen rauchen, setzt sich dieser Staub mitsamt den freien Radikalen und dem Teer auf ihrer Haut ab.
SPIEGEL: Man überzieht die eigene Haut mit einem schädlichen Film?
Stebut: Und die Haut der anderen Anwesenden genauso. Hinzu kommt noch das Nikotin aus dem Tabakrauch: Wenn man es einatmet, verengt es die Blutgefäße, was dazu führt, dass die Haut schlechter durchblutet wird. Sie sieht fahl und gräulich oder gelblich aus, die Poren an den Talgdrüsen werden auffällig groß.
SPIEGEL: Kann man Haut auch durch übertriebene oder falsche Pflege malträtieren?
Stebut: Definitiv. Ich habe viele Patienten, die wirklich glauben, dass sie sich jeden Tag 20- bis 30-mal die Hände waschen müssen. Dadurch können sie den Schutzmantel zerstören, also die äußerste Schicht, die aus Hornzellen, einem Fettfilm und nützlichen Bakterien besteht. So entsteht ein Handekzem. Wir beobachten häufig auch eine Überpflege im Gesicht.
SPIEGEL: Muss man seine Haut überhaupt mit irgendwelchen Präparaten behandeln?
Stebut: Wer eine gesunde Haut hat, braucht eigentlich keine besonderen Cremes. Wenn man an bestimmten Stellen Schuppen hat, ist die Haut deswegen nicht gleich krank, sondern nur trocken. Gewöhnliche Hautpflege reicht dann aus.
SPIEGEL: Wo findet man solche Produkte?
Stebut: In allen Drogeriemärkten und in vielen Supermärkten. Auch die Hausmarken der Geschäfte taugen. Ich empfehle, verschiedene Cremes auszuprobieren, bis man eine Variante findet, die zur eigenen Haut passt. Niemand muss befürchten, dass die Haut vom Einfetten abhängig wird. Auch wenn man sie ständig eincremt, verliert sie nicht die Fähigkeit, einen eigenen Fettfilm zu bilden.
SPIEGEL: Eine persönliche Frage bitte: Wie halten Sie es mit der Hautpflege?
Stebut: Für das Gesicht, den Hals und die Hände nehme ich jeden Tag eine Feuchtigkeitscreme mit Lichtschutzfaktor 15 und mit Hyaluronsäure. Die Säure bindet Feuchtigkeit, das hat einen aufpolsternden Effekt. Und ich benutze Nachtcreme, die Vitamin A enthält, das soll die Kollagenproduktion anregen.
SPIEGEL: Welche Rolle spielt Ernährung?
Stebut: Es gibt Hinweise, dass Vitamin A und C, Omega-3-Fettsäuren, Zink, Selen und Biotin günstig sind für Haut, Haare und Nägel. Eine vitaminreiche, vollwertige Ernährung ist also sehr gut. In einer ausgewogenen Kost ist das alles in ausreichenden Mengen enthalten.
SPIEGEL: Was kann man sonst noch tun?
Stebut: Körperliche Bewegung und erholsamer Schlaf stabilisieren den Körper, das Stresshormon Cortisol wird dann besser reguliert. Durch Schlaf können sich Zellen erneuern. Auch die Regeneration der Haut läuft dann ab.

