Wenn Programmierer überflüssig sind: Opfer der eigenen Entwicklung.

(Deutschland, Europa und die Welt) KI-Agenten können schneller programmieren als Softwareentwickler, und Tausende Informatiker sind plötzlich arbeitslos.

Welche Fähigkeiten in der Branche jetzt gefragt sind.

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Zahllose Stunden auf LinkedIn, Stepstone, Xing. Besuche auf zehn Jobmessen. Und trotzdem arbeitet Dmitrii Grigorev noch immer nicht. Über hundert erfolglose Bewerbungen habe er in den letzten Monaten geschrieben, sagt er heute, gestern und vorgestern keine mehr. Er könne nicht mehr. Schon 15 Minuten vor einem Bewerbungsschreiben zu sitzen, strenge ihn so an, als schriebe er den halben Tag daran. »Vielleicht ein Bewerbungs-Burn-out«, sagt er.

​Grigorev, 31, ist Informatiker. Erzählt er von seinem Leben, spricht er von seiner Liebe für selbst gebaute Systeme. Zum Beispiel von aufwendigen Lego-Systemen, mit denen er als Kind im russischen Kasan spielte und die ihn zum technikbegeisterten Nerd machten. Oder das System aus Podcasts, Serien und Sprachlern-Apps, mit dem er Deutsch lerne, seit er 2022 wegen des Kriegs in der Ukraine nach Deutschland kam. Vor allem aber spricht er von Code-Systemen, die er schreibt, um daraus Computerspiele oder Apps zu programmieren.

​Wie viele Informatiker vor ihm wollte Grigorev Geld mit selbst geschriebenen Zahlencodes verdienen – Codes, die Normalsterbliche nicht verstehen. Das Problem: Kein Mensch muss diese Zahlencodes heute mehr beherrschen. Das kann nun die KI.

​»Als ich 2022 nach Deutschland kam, wurden noch überall Softwareentwickler gesucht«, erinnert sich Grigorev. Also besuchte er eine Programmierschule, lernte Coden. Heute – zwei Jahre nach seiner Ausbildung – habe er nicht mehr das Gefühl, gebraucht zu werden. Seit Anfang 2024 ist er immer wieder auf Jobsuche. Ein Jahr arbeitete er zwischenzeitlich bei einem Start-up, bis dieses Insolvenz anmeldete. Seitdem ist er wieder arbeitssuchend.

​Über viele Jahre waren Programmierer wie Grigorev in Deutschland hart umkämpfte Fachkräfte. Sie wurden mit gut bezahlten Jobs direkt von der Universität angeworben. Heute gibt es viele Schicksale, wie das von Grigorev. Hat künstliche Intelligenz dem goldenen Zeitalter der Informatiker ein Ende gesetzt?

Weniger Jobs in der IT

​Auf den ersten Blick lässt sich diese Frage, laut des Digitalverbands Bitkom, schnell mit »Nein« beantworten. »In der deutschen Wirtschaft waren zuletzt 109.000 IT-Stellen unbesetzt«, heißt es vom Verband. Diese Fachkräfte brauche Deutschland, wolle man in einer zunehmend digitalen Welt mithalten.

​Doch die Bedarfsrechnungen des Bitkom kollidieren mit einer wirtschaftlichen Realität in Deutschland.

(Grafik-Daten: Mai 2022 > 24.000; Mai 2026: 12.421)

* Personen mit Berufen aus dem Bereich der Informatik und Informations- und Kommunikationstechnik

Quelle: Agentur für Arbeit

Im Mai 2022 gab es laut Zahlen der Agentur für Arbeit mehr als 24.000 gemeldete unbesetzte Stellen für Informatiker auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Etwa zu dieser Zeit begann Grigorev eine Ausbildung an einer Programmierschule. Im Mai 2026 sind es etwa die Hälfte. Nur noch 12.421 neu registrierte IT-Stellen wurden in diesem Monat gezählt.


(Grafik-Daten: Mai 2026: 97.106)

* Personen mit Berufen aus dem Bereich der Informatik und Informations- und Kommunikationstechnik

Quelle: Agentur für Arbeit

​Im Mai war ein Höchstwert von rund 100.000 Informatikern in Deutschland arbeitssuchend gemeldet. Ein Anstieg von über 120 Prozent seit 2022.

Das Ende des Codens

​Im Grundkurs der Programmierschule lernte Grigorev 2022 noch das, was einst die Arbeit von Softwareentwicklern ausmachte: zum Beispiel C++, eine anspruchsvolle Programmiersprache, die oft für schnelle Software wie Computerspiele genutzt wird, oder JavaScript, mit der man vorzugsweise Websites dynamisch gestaltet.

​Menschen, die solche Programmiersprachen beherrschten, waren in den Zehnerjahren so gefragt auf dem Arbeitsmarkt, dass Silicon-Valley-Gurus US-Arbeitern in sterbenden Industrien predigten, sie sollten lernen zu programmieren. In diesem Jahrzehnt herrschte auch in Deutschland ein Hype um das Coden. Programmiersprachen zu beherrschen, galt als Handwerk der Zukunft, um gute Jobs in der IT-Branche zu finden. Galt. Vergangenheit.

8Noch während Grigorev seine Ausbildung machte, habe er gemerkt, wie diese Fähigkeit an Wert verlor. »Das Schreiben von Codes wurde durch die künstliche Intelligenz zweitrangig«, erklärt Viola Sommer, CEO von Grigorevs Programmierschule »42« mit Sitz unter anderem in Berlin. Man habe dabei zusehen können, wie Juniorstellen für Informatiker in vielen Unternehmen gestrichen wurden. Denn einfache Programmierer-Aufgaben für Berufseinsteiger habe die KI schnell übernommen. Dazu gehört etwa das Testen von Software, die Systemadministration oder die Userverwaltung. Und auch das Code-Schreiben verlor schnell an Wert.

Es birgt eine gewisse Ironie, dass ausgerechnet jene Berufsbranche besonders stark durch künstliche Intelligenz getroffen wird, die diese Maschinen baute. »Das Coding ist eines der ersten menschlichen Handwerke, das die Maschine besser und schneller kann als der Mensch«, so die Leiterin der Programmierschule.

Das Resultat: In einer IT-Fachkräftestudie des Verbands Bitkom gibt etwa ein Viertel der befragten Unternehmen in Deutschland an, IT-Fachkräfte ohne KI-Wissen würden künftig nicht mehr nachgefragt sein. 34 Prozent der befragten Unternehmen in Deutschland gehen davon aus, KI werde einzelne IT-Berufe und -Berufsbilder ersetzen. 42 Prozent prophezeien das Entstehen neuer Berufsbilder.

Stille Nerds müssen nun reden

​Schon heute hat sich die Arbeit der Programmierer verändert. Lange bot diese die idealen Arbeitsbedingungen für introvertierte Menschen. Coder tippten viele Stunden, Tage und Wochen in Einzelarbeit. Heute müssen Programmierer viel kommunizieren.

​Im vergangenen Jahr arbeitete Grigorev für ein Jahr als Backend-Programmierer in einem Start-up. Klassisches Coden füllte dabei weniger als die Hälfte seiner Arbeitszeit, erzählt er. Bevor das Start-up nach wenigen Monaten Insolvenz anmeldete, habe seine Arbeit vor allem aus Gesprächen mit Gründern über Aufträge, Meetings mit Kollegen und ewig langen Unterhaltungen mit seinen KI-Agenten bestanden. »So sieht heute unsere Arbeit als Programmierer aus. Die KI kann einfach schneller coden als wir und bald vielleicht auch fehlerfreier«, sagt Grigorev.

​KI-Programme brauchen heute nur noch wenige Minuten für die Arbeit, die ein Programmierer vor zehn Jahren über Tage hinweg erledigte. Die »New York Times« schrieb im Frühjahr, in US-amerikanischen Start-ups schreibe KI inzwischen nahezu alle Codes, bei großen Konzernen wie Google übernehme sie etwa die Hälfte.

​Und auch bei SAP, einem der größten Arbeitgeber im Bereich Informatik in Deutschland, zeichnet sich diese Entwicklung ab. Die Belegschaft schule man seit Monaten in künstlicher Intelligenz. »Das klassische Programmieren zählt inzwischen eher zum Grundlagenwissen und wird in der Praxis immer unwichtiger«, sagt eine Sprecherin aus der Recruitingabteilung des Unternehmens. Programmierer-Teams seien heute oftmals global aufgestellt und würden KI-Agenten anleiten, Kundenaufträge umzusetzen.

​Neben Wissen über künstliche Intelligenz achte man bei SAP in Bewerbungsgesprächen mit Programmierern heute auf Softskills wie Anpassungsfähigkeit, um technische Entwicklungen mitzugehen – oder eben Kommunikationsfähigkeit.

Informatik neu lernen

​Auch am Institut für Informatik der Universität München hat die Veränderung längst begonnen. Albrecht Schmidt, 55, ist hier Dekan. Er begann Informatik zu studieren, als das World Wide Web gerade angeschaltet wurde – nun verantwortet er die Anpassung der Lehre an die künstliche Intelligenz. Ist diese noch zeitgemäß, so schnell wie sich die künstliche Intelligenz entwickelt?

​Als er vor 30 Jahren studierte, habe er in den ersten Semestern die gleichen Grundlagen gelernt wie Studierende heute im Bachelor für Informatik, erzählt Schmidt: Mathematik, theoretische Informatik, Grundlagen des Programmierens, Wissen über Datenbanken, Funktionsweisen von Algorithmen. »Der Wert dieses Wissens für Informatiker ist stabil geblieben. Je konkreter und praktischer wir in Seminaren und Praktika werden, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass der technische Fortschritt die Lehre überholt«, sagt Schmidt.

​Doch er habe in den vergangenen drei Jahren gemerkt, dass viele seiner Studierenden die technische Entwicklung umtreibt. Die Frage »Was kann ich, was eine Maschine nicht kann?« sei omnipräsent.

​Nina Vucenovic, 29, ist eine der Informatikstudentinnen an Schmidts Institut. Schon in der Schule fand sie Gefallen an Mathematik, später begann sie während ihres Studiums zu programmieren. Es sei während ihrer Bachelorarbeit gewesen, erzählt sie, als um sie herum plötzlich alle von KI sprachen. Es spielte ihr in die Karten, sagt sie, dass die künstliche Intelligenz in etwa zum Auftakt ihres Masters in den Wahlbereich ihres Studiums an der Universität München aufgenommen wurde.

​»Ursprünglich wollte ich hauptsächlich in die Softwareentwicklung«, sagt Vucenovic. Durch den KI-Hype entschied sie sich, in eine andere Richtung zu gehen, fand ihr Interesse an Data Engineering und Data Science. Um in diesen Bereichen gut aufgestellt zu sein, belegte sie bereits entsprechende Module im Bereich KI.

Zeiten des schwierigen Berufseinstiegs

​Ob KI verantwortlich ist für das Wegbrechen von Informatikberufen auf dem deutschen Arbeitsmarkt, daran gibt es Zweifel. Es seien aktuell vor allem die »konjunkturelle Eintrübung und geopolitische Unsicherheiten«, die dazu geführt hätten, dass Unternehmen bei Neueinstellungen zurückhaltend seien, heißt es vom Verband Bitkom.

​Sommer, CEO der Programmierschule 42 sagt: »Wer betreut denn die riesigen Rechenzentren, die gerade gebaut werden?« Wenn es mehr Maschinen gebe, steige der Wert der Menschen, die diese verstehen.

​Auch an ihrer Programmierschule reagiere man auf die Veränderungen der Branche. Schüler:innen lernen dort heute, wie man KI-Modelle und Coding-Agenten baut. Es gehe um Fragen wie: Was sind die Bedürfnisse der Kunden und wie kommuniziere ich diese an die KI? Wie ist meine ethische Haltung im Umgang mit KI? Wie erschließe ich mir am schnellsten neues Wissen, sollte sich die Technologie rasant weiterentwickeln?

​Wer in diesen Fragen gut aufgestellt sei, so Sommer, werde weiterhin als Programmierer gebraucht. Und wer Glück hat, werde von VW, SAP und anderen Sponsoren ihrer Programmierschule direkt abgeworben. Doch bei einigen wie Grigorev sehe sie gerade, dass der Berufseinstieg schwieriger sei als erwartet. Es brauche nicht mehr die große Masse an Programmierern. Die Teams, die KI-Agenten beim Programmieren zusehen, seien schließlich kleiner als früher.

​Grigorev hat sich inzwischen an der Technischen Universität Cottbus für ein Studium der Elektrotechnik immatrikuliert. Seinen Traum von einem Job als Softwareentwickler hat er noch nicht begraben.

​»Doch wenn das nichts wird, kann ich mit meinem Abschluss auch als Elektroingenieur arbeiten«, sagt er. Dort gebe es Fachkräftemangel. Dann fügt er hinzu: »Und keine künstliche Intelligenz wird in den nächsten Jahren als Elektroingenieur arbeiten.«

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