(Deutschland, Europa und die Welt) Diese Geschichte habe ich durch Zufall gerade gefunden.
Die muss ich speichern, natürlich auf meinem eigenen Webserver, also zum Beispiel hier im LebensreiseBlog.
Von einem Thomas Becker, den ich (noch) nicht persönlich kennengelernt habe.
Ein Mechaniker in Split wollte 1.800 Euro für den Austausch einer Lichtmaschine die im Zubehör 189 Euro kostet. Hab ihn gefragt warum.
„Muss die Servolenkungspumpe zur Seite, den Auspuff lösen, und dann komm ich vielleicht an die Bolzen. Vielleicht. Sechs Stunden wenn alles glatt läuft.“
Linda stand neben mir und hat das gehört.
Wir hatten am nächsten Morgen die Fähre nach Ancona gebucht. 420 Euro, nicht stornierbar.
Ich hab den Mechaniker weggeschickt.
Was danach passiert ist, hat verändert wie wir seitdem unterwegs sind.
Aber von vorne.
Meine Frau und ich, beide Anfang sechzig, leben seit dreieinhalb Jahren im Wohnmobil. Teilintegrierter auf Ducato-Basis. Eigentumswohnung in Karlsruhe verkauft, Möbel verteilt, losgefahren.
Seitdem: Winter in Südspanien oder Portugal. Frühling Griechenland oder Kroatien. Sommer hoch an die Küste, nah an den Kindern.
Klingt wie Urlaub. Ist aber Alltag. Und im Alltag gehen Sachen kaputt.
Wir standen auf einem Stellplatz südlich von Split. Kleiner Platz direkt am Meer. Linda hat den ganzen Tag gelesen.
Dritter Tag da, morgens Motor an um in die Stadt zu fahren, Einkaufen.
Batterieleuchte geht an.
Erst mal ignoriert. Vielleicht Kontakt, vielleicht Sensor.
In der Stadt gemerkt dass die Klimaanlage schwächelt. Dann das Radio aus. Dann haben die Scheinwerfer angefangen zu flackern.
Auf dem Rückweg zum Platz ging die Motorleuchte an.
Lichtmaschine.
Wusste ich sofort. Hab schon zwei Lichtmaschinen gemacht in meinem Leben. Eine am alten Golf meiner Tochter, eine an nem Transporter den ich mal hatte. Kein Hexenwerk. Riemen ab, drei Bolzen raus, alte Maschine runter, neue drauf.
Haube auf. Und dann hab ich gesehen wo Fiat die Lichtmaschine beim 2.3er Ducato verbaut.
Eingequetscht zwischen Motorblock und Spritzwand. Die Befestigungsbolzen zeigen nach hinten, Richtung Fahrgestell. Von oben siehst du den obersten Bolzen. Die unteren beiden verstecken sich hinter dem Halter und der Servolenkungspumpe.
Mein erster Gedanke: Okay, wird eng. Aber machbar.
Mein zweiter Gedanke, drei Stunden später: Das ist nicht machbar.
Ratsche von oben. Geht nicht drauf. Griff knallt gegen den Ansaugtrakt.
Ratsche von unten. Hab auf dem Rücken unter dem Wagen gelegen. Ein Bolzen ging zu ertasten, aber die Ratsche konnte sich nicht mal einen Zahn weiter drehen.
Ringschlüssel. Passt drauf, kann ihn vielleicht drei Grad drehen, dann anschlagen, umsetzen, wieder drei Grad. Bei dem Tempo wäre ich Weihnachten fertig.
Kurze Ratsche mit Gelenkkopf. Biegt sofort ab sobald ich Druck gebe. Kein Halt.
Vier Stunden. Kroatische Nachmittagshitze. 34 Grad in der Sonne, gefühlt fünfzig über dem Motor. Unterarme zerkratzt von der Spritzwand. Knöchel blutig. T-Shirt durchgeschwitzt.
Und ich hatte noch keinen einzigen Bolzen auch nur einen Millimeter bewegt.
Linda kam um fünf mit zwei Eistees raus. Hat sich auf den Klappstuhl gesetzt und nichts gesagt. Das war schlimmer als wenn sie was gesagt hätte.
Dann hat sie was gesagt.
„Soll ich ne Werkstatt anrufen?“
Ich hab genickt.
Am nächsten Morgen kam ein lokaler Mechaniker. Hat sich die Situation angeschaut und erklärt was er machen müsste.
Servolenkungspumpe abschrauben und zur Seite. Auspuff-Mittelstück lösen. Unterbodenschutz ab. Dann kommt er wahrscheinlich an die Bolzen. Sechs Stunden mindestens.
1.800 Euro mit Lichtmaschine. Ohne geht er nicht unter 1.500.
Hab ihn angeguckt. Er hat zurückgeguckt.
1.500 Euro Arbeitslohn. Für drei Bolzen. Das ist Abzocke. Punkt.
Aber was willst du machen. Du stehst in Kroatien mit offener Haube und ner Fähre die morgen früh ablegt. Der weiß dass du keine Wahl hast. Du weißt dass du keine Wahl hast. Und solange du nicht an die Schrauben rankommst, bestimmt er den Preis.
Hab ihm gesagt ich hab bereits ne Lichtmaschine online bestellt.
„Dann 1.500 nur Arbeit. Kann morgen anfangen.“
Morgen. Unsere Fähre ging morgen früh um sieben.
Hab Linda angeguckt. Sie hat zurückgeguckt.
Fähre vor drei Wochen gebucht. Nicht stornierbar. 420 Euro weg wenn wir nicht drauf sind.
„Dann muss der Mechaniker halt übermorgen kommen“, hat Linda gesagt. „Und wir buchen ne neue Fähre.“
Neue Fähre: 380 Euro. Plus zwei Nächte extra Stellplatz.
Oder 1.500 Euro an den Mechaniker, der vielleicht morgen fertig wird, vielleicht aber auch nicht. Und die Fähre trotzdem weg.
Bin raus und hab mich an die Mauer am Platz gesetzt. Aufs Meer geguckt.
Hinter mir unser Wohnmobil mit offener Haube, vor mir das Adriatische Meer, und ich dachte: Das hier ist der Moment wo es aufhört Spaß zu machen.
Nicht wegen der Lichtmaschine. Eine Lichtmaschine ist ein Teil das man wechselt. Das ist normal.
Sondern weil ich vier Stunden an drei Bolzen gescheitert bin die ich sehen, berühren, aber nicht drehen kann. Und jetzt bestimmt ein Mechaniker den ich nicht kenne in einem Land dessen Sprache ich nicht spreche, wann wir weiterfahren.
Das ist das Moment wo man anfängt zu rechnen. Nicht die Reparatur. Sondern alles. Die Pannenhilfe in Portugal letztes Jahr. Den Abschleppdienst in Südfrankreich. Alles zusammen.
In dreieinhalb Jahren ungefähr 6.400 Euro reine Werkstattkosten. Nur Arbeitslohn. Nicht Teile.
6.400 Euro. Dafür dass Leute Bolzen gedreht haben, an die ich nicht rangekommen bin.
Da kam ein Wohnmobil auf den Platz gefahren, direkt neben uns. Deutsches Kennzeichen, Hamburg.
Der Fahrer ist ausgestiegen, hat unsere offene Motorhaube gesehen und ist rübergekommen. Klaus. Pensionierter Kfz-Meister.
„Lichtmaschine?“
„Woher weißt du das?“
„Batterieleuchte brennt noch. Und du guckst so wie Leute gucken die grade verstanden haben wo Fiat die Bolzen hingebaut hat.“
Hab ihm erzählt was los ist. Der Mechaniker, die 1.800 Euro, die Fähre morgen früh.
Klaus hat unter die Haube geguckt. Kurz. Dann hat er gesagt: „Hast du ne halbe Stunde?“
Ist zu seinem Wohnmobil und hat sein Werkzeug geholt. Normaler Knarrenkasten. Und ein Ding das ich noch nie gesehen hatte.
Flacher Stahlriegel, ungefähr 40 Zentimeter lang. Dünn wie ein Maulschlüssel, aber mit nem internen Antrieb.
„Offset-Schlüssel“, hat er gesagt. „Ohne den Ding fahr ich seit sieben Jahren keinen Meter.“
Hab gesagt ich hab alles probiert. Ratsche, Gelenk, Ringschlüssel. Es ist zu eng.
„Ich weiß. Dafür ist das hier.“
Er hat das Werkzeug in den Spalt zwischen Motorblock und Spritzwand geschoben. Genau da durch wo mein Arm nicht mal halb reingepasst hat.
Nuss sitzt auf dem ersten Bolzen.
„Dreh mal.“
Hab gedreht.
Bolzen hat sich bewegt. Ohne Widerstand. Ohne Schmerzen. Ohne dass irgendwas abgerutscht oder weggebogen ist.
75 Sekunden, Bolzen war draußen.
Zweiter Bolzen saß fester. Bisschen Rostlöser, zwei Minuten warten, gleiches Spiel. Ging schwerer, aber er ging.
Dritter Bolzen war der hinterste. Komplett versteckt hinter dem Halter. Konnte ihn nicht mal sehen. Klaus hat das Werkzeug reingefädelt und die Nuss blind aufgesetzt. Hat ihn beim ersten Versuch getroffen.
Drei Bolzen in elf Minuten.
Ich hab dagestanden mit dem Lichtmaschinenhalter in der Hand und Klaus hat sein Werkzeug schon eingepackt.
„Beim ersten Mal denkt jeder es geht nicht“, hat er gesagt. „Geht aber. Man braucht nur das richtige Ding dafür.“
Hab gefragt ob ich das Werkzeug leihen kann um die neue Maschine einzubauen.
„Mach ich dir.“
Um acht saßen wir am Tisch. Neue Lichtmaschine drin. Motor läuft. Batterie lädt. Klaus hat mit uns gegessen und Geschichten erzählt von Pannen in Marokko.
Um sechs am nächsten Morgen standen wir in der Fähre nach Ancona.
Linda hat nen Kaffee geholt, wir haben aufs Meer geguckt, und keiner von uns hat ein Wort über Werkstätten gesagt.
Nix davon wäre passiert wenn Klaus nicht zufällig auf den Platz gefahren wäre. Oder wenn er nicht das richtige Werkzeug gehabt hätte.
Kosten an dem Tag: 189 Euro für die Lichtmaschine. 0 Euro Arbeitslohn. Der Mechaniker wollte 1.800.
Ich hab online das gleiche Werkzeug bestellt das Klaus hatte. Offset-Schlüssel, kommt mit Adaptern für verschiedene Nussgrößen.
Seitdem hab ich es benutzt für: Anlasserbolzen die man nur von der Seite erreicht. Klimakompressor-Halterung tief unten am Block. Nem Pärchen aus Dänemark geholfen dessen AGR-Ventil festsaß. Dreißig Minuten statt Werkstatttermin in einer Woche.
Jedes einzelne davon wäre Werkstatt gewesen. Mindestens 400 Euro Arbeitslohn. Meistens deutlich mehr.
Was ich nach dreieinhalb Jahren auf der Straße verstanden hab:
Diese Fahrzeuge sind nicht dafür gebaut dass man selbst dran schraubt. Die sind gebaut für Vertragswerkstätten die 180 die Stunde nehmen und wo man vier Wochen auf nen Termin wartet.
Jeder Bolzen sitzt so dass man ihn gerade nicht erreicht. Jede Reparatur ist „aufwändig.“ Aber sie ist nicht aufwändig. Sie ist nur verbaut.
Und verbaut ist ein Werkzeug-Problem. Kein Können-Problem.
Seit ich das Ding hab, bin ich nicht mehr abhängig von Mechanikern die ich nicht kenne in Ländern die ich nicht verstehe. Keine verpassten Fähren mehr. Keine 1.500-Euro-Rechnungen mehr für drei Bolzen.
Ich weiß wieder warum ich das hier mache.
Das Ding heißt Schraubwerk Offset-Schlüssel. Funktioniert mit jeder Knarre und jedem Steckschlüsselsatz den man schon hat.
Ich sag nicht dass es alles repariert. Aber irgendwann, an irgendeinem Stellplatz, wird ein Bolzen das Einzige sein was zwischen dir steht und deiner Weiterfahrt.
Bei mir war’s so. Und ich konnte nicht dran.
Jetzt schon.
Wenn du auch so unterwegs bist und es satt hast dass ein simpler Lichtmaschinenwechsel zweitausend Euro kostet nur weil du nicht an drei Schrauben rankommst, pack dir das Ding in die Stauklappe.
Hab euch das Ding mal unten drunter gepackt, wer Bock hat kann ja mal reinschauen.
Gute Fahrt.
Und wenn ihr nen weißen Teilintegrierten seht mit Karlsruher Kennzeichen, hupt mal. Das sind wahrscheinlich wir.
Linda sagt: die Kinder rufen jetzt uns an wenn was am Auto klemmt. Nicht die Werkstatt.
Ich habe den Offset-Schlüssel, natürlich in der geilsten Farbe der Welt gerade bestellt.
Übrigens keine 30 Euro das gesamte Set

