Veränderungen der Arbeitswelt (4) Entwicklung der Kunststoffe

(Deutschland, Europa und die Welt) Die Einführung und der industrielle Siegeszug von Kunststoff ab der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben die Materialwelt revolutioniert. Da Plastik leicht, formbar, wasserdicht und extrem günstig in der Massenproduktion war, ersetzte es schlagartig traditionelle Werkstoffe wie Holz, Horn, Leder, Ton, Glas und Metall.

​Dies führte zum Niedergang, Strukturwandel oder dem fast vollständigen Verschwinden zahlreicher Handwerksberufe. Hier ist eine Übersicht der Berufe und Fachleute, die durch den Siegeszug des Kunststoffs verdrängt wurden:

​1. Verarbeitung tierischer & natürlicher Rohstoffe

​Vor der Erfindung von spritzgegossenem Plastik wurden elastische, harte oder transparente Alltagsgegenstände (wie Kämme, Knöpfe, Brillengestelle und Griffe) aus tierischen Abfallprodukten hergestellt.

  • Hornsorter / Hornrichter (Hornverarbeiter): Sie fertigten aus Tierhörnern Kämme, Löffel, Becher und Knöpfe. Kunststoff übernahm diese Massenmärkte fast über Nacht.
  • Beindrechsler (Knochendrechsler): Verarbeiteten Knochen zu robusten Alltagsgegenständen wie Zahnbürstengriffen, Knöpfen oder Spielfiguren.
  • Elfenbeinschnitzer: Auch wenn dieser Beruf aus Artenschutzgründen heute verboten ist, beschleunigte die Erfindung von Zelluloid (dem ersten Thermoplasten) das Ende von Elfenbein für Billardkugeln und Klaviertasten, da ein synthetischer Ersatz dringend gesucht wurde.
  • Schildpattmacher: Verarbeiteten die Panzer von Meeresschildkröten zu luxuriösen Brillengestellen, Dosen und Kämmen. Kunststoffe wie Celluloseacetat imitierten die Optik perfekt und machten das Handwerk obsolet.

​2. Verpackungs- und Behälterhandwerk

​Bevor Plastiktüten, Kanister, Joghurtbecher und Frischhaltefolien existierten, mussten Waren in aufwendig handgefertigten Behältern transportiert und gelagert werden.

  • Böttcher / Küfer / Fassbinder: Sie bauten Holzfässer, Bottiche und Eimer. Für den Transport von Flüssigkeiten, Chemikalien und Lebensmitteln wurden Holzbehälter fast vollständig durch leichtere, hygienischere und günstigere Kunststofffässer und -tanks ersetzt.
  • Korbmacher / Flechter: Körbe waren die universellen Transportbehälter für Ernten, Wäsche und Einkäufe. Die Plastikwanne, der Wäschekorb aus Kunststoff und die Einkaufstüte machten dieses Handwerk zu einer Nische für Dekoration.
  • Säckler (Grobsäckler): Fertigten robuste Transportsäcke aus Leder oder grobem Gewebe für Getreide, Mehl oder Baustoffe. Heute dominieren hier gewebte Kunststoffsäcke (Polypropylen) oder schwere Plastikfolien.

​3. Metall- und Haushaltswarenhandwerk

​Viele Haushaltsgegenstände, die heute selbstverständlich aus Plastik sind (wie Eimer, Gießkannen oder Schüsseln), wurden früher aus Blech, Zink oder Emaille geschmiedet und gelötet.

  • Klempner (in seiner ursprünglichen Funktion als Blechschmied): Früher fertigten Klempner Haushaltswaren wie Gießkannen, Wassereimer, Badewannen und Milchkannen aus Blech. Dieser gesamte Zweig brach weg, als billige Plastikeimer und -kannen den Markt überschwemmten.
  • Kesselflicker: Ein wanderndes Handwerk, das Löcher in metallenen Töpfen, Pfannen und Eimern reparierte. Da Haushaltswaren durch Kunststoff zu extrem günstigen Einweg- oder Massenartikeln wurden, lohnte sich das Flicken nicht mehr.
  • Zinngießer: Stellten Gebrauchsgeschirr, Becher und Teller her. Sie wurden zunächst durch Porzellan/Glas und im Freizeit- und Campingbereich schließlich komplett durch bruchsicheren Kunststoff (wie Melamin) verdrängt.

​4. Textil-, Seiler- und Isolierhandwerk

​Naturfasern erfordern viel Handarbeit bei der Gewinnung und Verarbeitung. Synthetikfasern (Nylon, Polyester) veränderten diese Industrien radikal.

  • Seiler (Reepschläger): Traditionelle Seiler drehten Seile aus Hanf, Flachs oder Sisal. Kunststofffasern (wie Polypropylen oder Nylon) verdrängten Naturhauptseile fast völlig, da sie witterungsbeständig, reißfester und billiger sind.
  • Bürstenbinder: Stellten Bürsten und Besen aus Naturhaaren (Borsten, Rosshaar) und Holz her. Heute werden die Borsten maschinell aus Nylon oder PVC gezogen und in Plastikkörper geschossen.
  • Guttapercha- und Kautschuk-Isolierer: Vor den modernen Kabelisolierungen aus PVC oder Polyethylen wurden unterseeische Telegrafenkabel und Stromleitungen aufwendig mit Guttapercha (einem baumsaftbasierten Naturstoff) isoliert. Diese spezialisierten Verarbeiter wurden durch die chemische Kunststoffextrusion ersetzt.

​5. Konservierung und Spezialchemie

​Auch im Bereich der Versiegelung und Haltbarmachung ersetzte Kunststoff organische Stoffe.

  • Pechsieder: Sie stellten aus Baumharz Pech her, das zum Abdichten von Holzschiffen, Fässern (Brauereifässern) und Dächern dringend benötigt wurde. Synthetische Dichtstoffe, Silikone und Kunstharze machten die Pechsiederei überflüssig.

​Fazit

​Der Übergang von einer biologisch-metallischen Materialbasis hin zur synthetischen Moderne hat das Berufsbild weltweit verschoben. Während diese traditionellen, oft sehr CO₂-intensiven oder handwerklich aufwendigen Berufe verschwanden, entstanden gleichzeitig völlig neue Fachrichtungen wie der Verfahrensmechaniker für Kunststoff- und Kautschuktechnik, Werkzeugmacher für Spritzgussformen oder Chemieingenieure.

​Der Preis für diesen Strukturwandel zeigt sich allerdings heute im globalen Management des massiven Energiegebrauchs bei der Herstellung sowie den ökologischen Folgen der Plastikflut.


Neue Berufe!

Mit dem Siegeszug der Kunststoffe ab den 1930er- und 1950er-Jahren entstand parallel zum Niedergang des alten Handwerks eine völlig neue, hochtechnisierte Industrie. Die Arbeit verlagerte sich von der Werkbank in Chemielabore, Maschinenhallen und an Reißbretter.

​Hier sind die wichtigsten Berufe und Fachbereiche, die im Zuge der Kunststoffrevolution neu entstanden sind:

​1. Forschung und Entwicklung (Die molekulare Ebene)

​Da Kunststoffe nicht in der Natur vorkommen, sondern künstlich synthetisiert werden, mussten völlig neue wissenschaftliche Disziplinen und Berufe geschaffen werden.

  • Makromolekularchemiker / Polymerchemiker: Dieser Zweig entstand erst in den 1920er-Jahren (maßgeblich durch Hermann Staudinger). Diese Wissenschaftler erforschten, wie man lange Molekülketten (Polymere) gezielt aufbaut, um elastische, harte oder hitzebeständige Materialien zu erschaffen.
  • Kunststoff-Laborant: Fachkräfte, die in den Laboren der chemischen Industrie (wie BASF, Bayer, Hoechst) Testreihen durchführten, Rezepturen mischten und die physikalischen Eigenschaften der neuen Stoffe (Reißfestigkeit, Schmelzpunkt) prüften.

​2. Maschinenbau und Werkzeugkonstruktion

​Kunststoff verhält sich beim Erhitzen und Abkühlen völlig anders als Metall oder Holz. Das erforderte Spezialisten für die Entwicklung neuer Produktionsverfahren.

  • Formenbauer / Werkzeugmacher (Fachrichtung Kunststofftechnik): Ein extrem hochbezahlter Spezialberuf. Da Kunststoff verflüssigt und unter hohem Druck in Formen gepresst wird, mussten diese Formen (meist aus Stahl) mikrometergenau gefertigt werden. Sie mussten zudem Kanäle für die Kühlung enthalten, damit das Plastik blitzschnell erstarrt.
  • Konstrukteur für Extrusionswerkzeuge: Spezialisten, die Düsen entwickelten, durch die geschmolzener Kunststoff endlos gepresst wird, um Rohre, Kabelisolierungen oder Fensterprofile zu erzeugen.

​3. Die Werkshalle (Produktion und Verarbeitung)

​In den Fabriken entstanden völlig neue Ausbildungsberufe, die das Bedienen der gigantischen, oft automatisierten Maschinen gelernt hatten.

  • Kunststoffformgeber (heute: Verfahrensmechaniker für Kunststoff- und Kautschuktechnik): Die klassischen Maschinenbediener an den neuen Spritzguss-, Blasform- oder Extrusionsanlagen. Sie mussten Parameter wie Druck, Temperatur und Fließgeschwindigkeit exakt steuern.
  • Kunststoffschlosser / Kunststoffschweißer: Da man Kunststoffe im Gegensatz zu Metallen nicht einfach klassisch schmieden oder traditionell löten kann, entstand das Kunststoffschweißen (Warmgas-, Heizelement- oder Ultraschallschweißen). Diese Fachleute bauten und reparierten riesige Tanks und Rohrsysteme für die chemische Industrie.
  • Kunststoff-Galvaniseur: Spezialisten, die gelernt hatten, wie man die eigentlich nicht-leitenden Kunststoffoberflächen (z. B. ABS-Kunststoff für Autoteile oder Spielzeug) mit einer hauchdünnen Echtmetallschicht (wie Chrom) überzieht.

​4. Design und Produktgestaltung

​Der neue Werkstoff bot völlig freie Formen, die mit Holz oder Blech unmöglich waren. Das veränderte das Aussehen von Alltagsgegenständen radikal.

  • Kunststoff-Designer / Industrial Designer: Frühere Produktdesigner waren an die Grenzen von Holz (Sägen, Schnitzen) oder Metall (Gießen, Biegen) gebunden. Kunststoff erlaubte plötzlich fließende, ergonomische Formen, knallige Farben und integrierte Scharniere (Filmscharniere wie bei Tupperware-Dosen). Es entstand ein völlig neues Berufsfeld an der Schnittstelle von Kunst und Chemie.

Die Beiträge dieser Serie habe ich mit Hilfe der GEMENI KI zusammengetragen.

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